Europa Kreuz & Quer
- Christoph Karcher.
Essen und Görlitz in der nächsten Runde
Nun ist es amtlich - Essen in Nordrhein-Westfalen und die sächsisch-polnische Grenzstadt Görlitz/Zgorzelec sind die heißesten Anwärter auf den Titel der europäischen Kulturhauptstadt 2010. Die beiden Städte wurden von einer Jury der Kulturstiftung der Länder aus zehn Städten und Regionen ausgewählt und am 10. März 2005 auf der Kulturministerkonferenz in Berlin vorgeschlagen. Dabei fiel die Wahl der Kulturexperten an erster Stelle auf Essen und an zweiter Stelle auf Görlitz.
Die Kultusministerkonferenz wird die Empfehlung der Jury an den Bundesrat weiterleiten, der dieser aber nicht folgen muss. Im Juni wird das Auswärtigen Amt die endgültigen deutschen Favoriten an das Europäische Parlament und die Europäische Kommission weiterleiten. In Brüssel wird die letzte Entscheidung voraussichtlich im ersten Halbjahr 2006 fallen.
Zuschlag für kulturellen Umbruch und europäische Symbolik
Die Jury begründete ihre Entscheidung für Essen und das Ruhrgebiet mit beeindruckenden Veränderungen, nach 150 Jahren industrieller Urbanisierung werde die Stadt und die Region nun von Kultur- und Wissensproduktion geprägt. Für die Bewerbung von Görlitz/Zgorzelec hingegen war wohl das in Zeiten der Osterweiterung symbolträchtige Konzept der Verbindung von Ost und West ausschlaggebend.
Besonderes Augenmerk hatte die Jury auf nachhaltige Kulturleistungen und auf überzeugendes Kultur-Kommunikationsmanagement gelegt. Auch in weiteren zentralen Auswahlkriterien, wie der Förderung des Dialogs mit Jugendlichen, der europäischen Integration und in den Möglichkeiten, den erwarteten Touristenströmen gerecht zu werden, schienen Görlitz und Essen überzeugend genug gewesen zu sein.
Enttäuschung und Begeisterung
Das Nachsehen haben nun die Mitbewerber Bremen, Braunschweig, Halle, Karlsruhe, Kassel, Lübeck, Potsdam und Regensburg. Die Jury zeigte sich zwar von allen Konzepten beeindruckt, doch sei die Entscheidung "klar und mit großer Mehrheit" gefallen, so Jurymitglied Isabel Pfeiffer-Poensgen, die Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder - entsprechend groß fiel der Jubel in Görlitz und Essen aus.
Sachsens Wissenschaftsministerin Barbara Ludwig (SPD) sah das Görlitzer Konzept bestätigt, dies verkörpere "wie kaum ein anderes die Idee der europäischen Einigung. Eine europäische Stadt zweier Nationen, zweier Sprachen, zweier Kulturen - das ist das ganz große Potenzial dieser Bewerbung." In NRW sprach Wissenschaftsministerin Hannelore Kraft (SPD) von einer besonderen Art von Kultur im Ruhrgebiet, die dort in früheren Industriestätten stattfinde.
Zeche Zollverein und "Herz von Europa"
Deutlichstes Symbol für den kulturellen Aufbruch Essens ist die Zeche Zollverein - die architektonisch und kulturell neu gestaltete alte Zechenanlage ist Unesco-Weltkulturerbe. Nach dem Zuschlag wird Essen die Zeche nun zu einer Festspielstätte ausbauen. Doch die Region kann auch mit weiteren Umtriebigkeiten aufwarten, etwa der Gasturm von Oberhausen oder die Bochumer Jahrhunderthalle - kulturelle Kontrastpunkte in einem von strukturellen Umbrüchen und wirtschaftlichen Problemen gebeutelten Ruhgebiet.
Ganz anderer Flair hingegen in Görlitz: Kaufmanns- und Ratsherrenhäuser im Renaissance- und des Barockstil, mit Spuren aus der Zeit als beliebter, preußischer Ruhesitz Berliner Pensionäre. Nach der EU-Erweiterung blickt die Stadt optimistisch nach Osten. Doch ist Görlitz auch bis heute von der jahrzehntelangen Randlage gezeichnet - Leerstand und Arbeitslosigkeit sind die dringendsten Probleme. Inwieweit Görlitz durch die Kulturstadtbewerbung zusammen mit Zgorzelec am anderen Neißeufer, nun wirklich "im Herzen Europas", wo die Stadtväter es verorten, ankommt, bleibt abzuwarten.
| Die deutsche Jury |
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Erstveröffentlichung am 11.3.2005
Service zum Artikel
Links ins Internet
- SCADPlus: Kulturhauptstadt Europas
- Die Bewerberstädte für 2010
- Auswärtiges Amt: Info-Seite
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Europäische Kulturhauptstadt
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