EUROPA Kreuz & Quer
EU-Forschungspolitik
Mit Mercury in den Orbit der EU-Forschung
Von Nadia Klein, 2.2.2010
Seit der Jahrtausendwende verfolgen die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union das ehrgeizige Ziel, „die Union zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum in der Welt zu machen“. So sollen durch Forschungsförderung Arbeitsplätze in Europa gesichert und neu geschaffen sowie der soziale Zusammenhalt gestärkt werden. Schon bevor dieses Ziel in den Beschlüssen des Europäischen Rates von Lissabon im März 2000 derart prägnant formuliert wurde („Lissabon Strategie“), hat die Europäische Gemeinschaft wissenschaftliche und technologische Forschungsschwerpunkte festgelegt und finanziell gefördert. Dieser Artikel zeigt anhand eines konkreten Beispiels zweierlei: Erstens, wie Interessenten Informationen über laufende Forschungsprojekte erhalten, die von der EU gefördert werden. Zweitens, was typische Merkmale und Aktivitäten eines EU-geförderten Projektes sind.
Das Forschungsrahmenprogramm
Das Hauptinstrument zur EU-Forschungsförderung ist das „Forschungsrahmenprogramm“ (engl.: „Research Framework Programm“). Die erste Auflage startete im Jahr 1984, mit einer Laufzeit von vier Jahren und einem Gesamtvolumen von 3,3 Mrd. €. Mittlerweile wurde das Siebte Forschungsrahmenprogramm aufgelegt, das sich über sieben Jahre (2007 - 2013) erstreckt und mit einem Budget von 50,5 Mrd. € ausgestattet ist. Die Bezeichnung „Forschungsrahmenprogramm“ weist darauf hin, dass es sich um ein übergeordnetes Instrument handelt, das diverse Fördermaßnahmen vereint. Diese Maßnahmen unterscheiden sich nach thematischer Ausrichtung, Teilnahmebedingungen – insbesondere für Antragsteller aus nicht-EU-Ländern – und Fördervolumen.
„MERCURY“ - ein internationales Forschungsprojekt
Als Beispiel für ein Projekt aus dem Siebten Forschungsrahmenprogramm dient im Folgenden das internationale Forschungsprojekt „MERCURY: Multilateralism and the EU in the Contemporary Global Order“, bei dem die Autorin dieses Beitrags mitarbeitet. MERCURY läuft seit Anfang 2009 bis Anfang 2012 und wird durch das Siebte Forschungsrahmenprogramm gefördert. Forscher aus acht Ländern untersuchen bei MERCURY die Rolle der EU in multilateralen Strukturen, zum Beispiel im Rahmen der Vereinten Nationen oder der Welthandelsorganisation. Neben sieben europäischen Projektpartnern aus Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Schweden, der Tschechischen Republik und Italien wird das von der Universität Edinburgh (Großbritannien) geleitete Forscherteam von Wissenschaftlern aus China (Universität Fudan, Shanghai) und Südafrika (Universität Pretoria) verstärkt. MERCURYs Schwerpunkt liegt auf sozialwissenschaftlichen Fragestellungen im Bereich der europäischen Außenpolitik und, ganz grundsätzlich, auf der Förderung der internationalen Zusammenarbeit.
Das Siebte Forschungsrahmenprogramm gliedert sich in insgesamt fünf Hauptprogramme: 1. Zusammenarbeit, 2. Ideen, 3. Menschen, 4. Kapazitäten und 5. Nuklearforschung. Der Löwenanteil der Forschungsgelder, rund 32,4 Mrd. €, entfällt auf das auch für MERCURY zuständige erste Programm „Zusammenarbeit“. Dieses Programm deckt wiederum zehn Themengebiete ab, von Gesundheit über Energie, Umwelt und Verkehr bis zu den Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften (Thema 8). Für jedes Themengebiet gibt es nun wiederum verschiedene Förderformen, je nachdem, welchem Ziel das beantragte Projekt dienen soll. Bei MERCURY handelt es sich um ein „Verbundprojekt“ („collaborative project“), das sich durch klar definierte wissenschaftliche Ziele und Ergebniserwartungen sowie durch eine länderübergreifende Kooperation auszeichnet. Darüber hinaus gibt es beispielsweise „Exzellenznetze“ für Forschungseinrichtungen, die ihre Ressourcen in einem bestimmten Bereich enger verknüpfen möchten. Vereinfacht gesagt streben Verbundprojekte vorab definierte wissenschaftliche Ergebnisse an, während Exzellenznetze in erster Linie von der Förderung gemeinsamer Aktivitäten (Konferenzen, Seminare etc.) profitieren sollen. Die Verknüpfung wissenschaftlicher Einrichtungen in Exzellenznetzen soll indes letztlich ebenfalls zu besseren Forschungsergebnissen führen.
CORDIS: Forschungs- und Entwicklungsinformationsdienst der EU
Wer sich über laufende EU-Forschungsprojekte informieren möchte, dem hilft die Website „CORDIS“ des Forschungs- und Entwicklungsinformationsdienst der EU („Community Research and Development Information Service“) weiter. Dort werden sowohl Aufrufe zur Einreichung von Vorschlägen („Calls“) veröffentlicht, als auch Informationen über aktuelle Projekte bereitgestellt. Das Auffinden dieser Informationen erfordert allerdings etwas Spürsinn.
Zunächst muss man unter dem Stichwort „Finanzierung“ auf „Projektsuche“ klicken. Wer nun nach bestimmten Themen suchen möchte, die durch laufende Forschungsprojekte untersucht werden, muss sich bereits mit den relevanten englischen Kürzeln vertraut gemacht haben.
Beispiel „MERCURY“: Wer nachschauen möchte, welche Projekte unter dem Oberthema „Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften“ aktuell gefördert werden, sollte erstens wissen, dass dieser Bereich auf Englisch „Social Sciences and the Humanities“ heißt. Zweitens sollte bekannt sein, dass dies wiederum mit „SSH“ abgekürzt wird. Mit diesem Vorwissen kann der interessierte Bürger nun das Thema „FP7-SSH“ anklicken. Daraufhin erscheint eine Liste mit allen im Bereich „Sozial-, Wirtschafts- und Geisteswissenschaften“ geförderten „Maßnahmen“. Darunter findet sich auch Maßnahme „SSH-2007-4.3-02 Multilateralism and the new external relations oft he European Union“. Klickt man hier weiter, erfährt man, dass aktuell drei Projekte gefördert werden, die die Außenbeziehungen der EU und ihre Rolle in multilateralen Strukturen erforschen: das bereits erwähnte MERCURY, ein Projekt namens EU-GRASP („Changing multilateralism: The EU as a global-regional actor in security and peace“) und EU4SEAS („The EU and sub-regional multilateralism in Europe’s sea basins: neighbourhhod, enlargement and cooperation“).
Verknüpfung mit anderen EU-geförderten Projekten im jeweiligen Themengebiet
Typischerweise regt die Europäische Kommission eine Verknüpfung der von ihr in einem Themengebiet geförderten Projekte an. In der Praxis bedeutet dies, dass zum Bespiel die Leiter der Projekte EU-GRASP und EU4SEAS in einem Experten-Gremium vertreten sind, das MERCURYs Arbeit beratend begleitet („Advisory Board“). MERCURYs Koordinator Dr. Mark Aspinwall (Universität Edinburgh) ist wiederum Mitglied in den entsprechenden Beratergremien für EU-GRASP und EU4SEAS. Darüber hinaus stellen Projektmitglieder ihre Arbeit im Rahmen von Konferenzen und Seminaren der anderen Projekte vor. Ende 2011 werden MERCURY, EU-GRASP und EU4SEAS zudem eine gemeinsame Abschlusskonferenz veranstalten, auf der sie die wichtigsten Ergebnisse einer interessierten Öffentlichkeit präsentieren.
Verbreitung der Forschungsergebnisse
Außenstehende können auch schon während der Projektlaufzeit die Forschungsarbeit verfolgen und Zwischenergebnisse erhalten. So verfügen EU-Projekte typischerweise über eigene Projekt-Webseiten [Beispiele am Ende des Artikels], auf denen Veranstaltungen angekündigt und Arbeitspapiere zum Herunterladen angeboten werden. Auf der Webseite von MERCURY besteht auch die Möglichkeit, sich für den halbjährlich erscheinenden Newsletter des Projekts anzumelden.
Zudem werden zunehmend internetspezifische Inhalte wie etwa elektronische Lerneinheiten („E-Learning“) und Glossare angeboten. So haben die MERCURY-Partner ein Glossar mir über 40 Begriffen zum Thema Multilateralismus erstellt. Für Begriffe wie „multilateralism“, „minilateralism“ oder „coalition of the willing“ werden dort systematisch Kernzitate angeführt und kurz erklärt sowie bei Bedarf weiterführende Texte verlinkt.
Ein weiteres Mittel, um laufende Forschung zu präsentieren und zur Diskussion zu stellen, sind Vorträge der Projektpartner zu ausgewählten Themen. So haben bisher vier sogenannte „MERCURY Lectures“ stattgefunden, unter anderem im Mai 2009 von Prof. David Camroux (Sciences Po, Paris) an der Fudan-Universität in Shanghai zum Thema “Interregionalism, a Critique: The Case of EU-ASEAN Relations” und im Juli 2009 von Prof. John Peterson (Universität Edinburgh) an der Universität zu Köln zum Thema „Obama and multilateralism - hell no more?“ Insbesondere Studenten nutzen diese Möglichkeit, EU-Forschung nicht nur zur Kenntnis zu nehmen, sondern durch kritische Nachfragen auch mitzugestalten.
Die Endergebnisse einer solchen Projektforschung wie im Rahmen von MERCURY werden zudem durch Veröffentlichungen in Fachzeitschriften und gegebenenfalls durch Buchprojekte dauerhaft zugänglich gemacht – auch lange nachdem die Projektwebseite abgeschaltet wurde.
Service zum Artikel
Links auf europa-digital.de
- Dschungelbuch: Forschungspolitik der EU.
- Freiwillige und unfreiwillige politische Enthaltsamkeit: Gastbeitrag von T. Ehs und G. Valchars.
Links ins Internet
- Homepage des 7. Forschungsrahmenprogramms.
- Glossar Multilateralismus des Mercury-Projekts.
- Cordis: Suchmaske für EU geförderte Forschungsprojekte.
- Das Mercury-Projekt.
- Das Projekt „EU-GRASP“ - „Changing multilateralism: The EU as a global-regional actor in security and peace“.
- Das Projekt „EU4SEAS“ - „The EU and sub-regional multilateralism in Europe’s sea basins: neighbourhhod, enlargement and cooperation“.
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